Interview mit Georg Arens
Georg Arens ist Geschäftsführer der Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft EWG
Agenda-Forum Essen:
Herr Arens, die Wirtschaftsförderung ist ein zentrales Instrument, um die wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt zu fördern. Dabei sind vor allem Konzepte gefragt, die im Sinne von Nachhaltigkeit, auch in Zukunft tragfähig sind und die einer Stadt langfristige Perspektiven verschaffen. Was ist Ihre Vision von der wirtschaftlichen Entwicklung in Essen und in der Region?
Wir sind eine Region im Wandel, d.h. wir kommen von der Industriegesellschaft und sind im Übergang zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Unsere Aufgabe als Wirtschaftsförderung ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich neue Arbeitsplätze entwickeln können. Das kann die Entwicklung neuer Gewerbegebiete sein oder auch die Veränderung alter Nutzungen. Eines der Beispiele hierfür ist die letzte Essener Kaserne, die jetzt Hauptstützpunkt eines unserer wachstumsstarken Konzerne, der MEDION AG, ist. Dazu kommt noch die gezielte Förderung von speziellen Branchen. Also z.B. das Vernetzen von Zukunftsentwicklungen im Bereich der Informations- und Kommunikationswirtschaft, der Medizin und der Immobilien. Das ist das klassische Grundgeschäft. Aber, das ist aus unserer Sicht zu wenig.
Wir müssen eine Perspektive haben, wie wir aus diesem Ballungsraum etwas machen, das uns auf dem Weg zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft einen entscheidenden Vorteil in der Zukunft verschafft. Und das kann nur sein, dass wir aus unserer Polyzentralität und aus unserer Größe, das heißt, aus der großen Zahl der Menschen im Ruhrgebiet, ein gemeinsames Ganzes machen. Dann wird aus vielen kleinen Trommeln eine große Pauke. Denn in der globalisierten Wirtschaft wird vorrangig dort investiert, wo viele Menschen leben, die ja auch Konsumenten sind und dort, wo auch das Angebot an qualifizierten Beschäftigten groß ist. Das ist unsere Perspektive von der Zukunft und die müssen wir erlebbar, verstehbar und durchführbar machen. Und daran arbeiten wir.
Versuche hat es nun schon viele gegeben, aus dem Ruhrgebiet eine Einheit zu machen. Wie kann man es erreichen, dass das Ruhrgebiet auch z.B. international als eine Einheit wahrgenommen wird?
Das ist gleichzeitig ganz einfach und ganz schwer. Ganz schwer, weil natürlich schon viele Ansätze gescheitert sind. Und das liegt sicherlich auch daran, dass es immer sehr schwer ist, eine ganze Region über die Organisationsstruktur und über die politischen Eliten zu vereinen. Denken Sie nur an die deutsche Kleinstaaterei von 1648 bis 1870. Das war ein weiter Weg bis die vielen Territorialfürsten endlich zusammen kamen, weil ja schließlich jeder einzelne etwas abgeben sollte. Unsere Situation ist da ganz ähnlich. Wir brauchen daher eine Wachstums- und Vereinigungsstory, die einen Mehrwert für alle Beteiligten produziert.
Und da ist es wieder ganz einfach. Denn dafür haben wir aus meiner Sicht hervorragende Voraussetzungen, einfach durch die Situation, dass wir ja keine konzentrisch gewachsene Stadt sind, sondern eine polyzentral gewachsene Stadt. Das heißt, bei uns enden neue Entwicklungen nicht an den Stadtgrenzen. Nehmen Sie das Beispiel München, wo die Leibnitz- und Frauenhofer-Institute quasi in Bauerndörfern außerhalb der Stadt sind. Die Institute vermarkten sich zwar mit ihrem Standort München, haben aber mit München an sich nichts zu tun. Allein die Distanz zur Innenstadt ist immens. Das ist in der Metropole Ruhr anders: Unser Mehrwert, unsere Chance sind die fantastischen Vernetzungsräume zwischen unseren Städten, die infrastrukturell fast perfekt ausgerüstet sind. Gleichzeitig haben wir Entwicklungsmöglichkeiten wie den Emscherpark, den wir gerade jetzt anfangen in Wertigkeit zu setzen.
Zur Zeit sehen wir unsere Vernetzungsräume nur als Freizeiträume. Sie bieten jedoch mehr, nämlich die hervorragende Möglichkeit, die Trennung von Wohnen und Arbeiten aufzuheben und vielen Menschen eine ganz neue Lebensqualität zu verschaffen. Dazu muss die Verbindung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit hier vollzogen werden. Denn auch dafür steht ja der Begriff der Nachhaltigkeit, nämlich die Aufhebung der Charta von Athen, was erst durch die Entwicklung von der Industriegesellschaft zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft ermöglicht wird.
Was bedeutet das für die Wirtschaftsförderung? Welche Konsequenzen ziehen sie daraus?
Wir haben uns deshalb z.B. im Rahmen unseres Projektes „Neue Schlosslagen“ mit Gelsenkirchen und Bochum zusammengeschlossen. In diesem Gebiet mit den drei Eckpunkten Weltkulturerbe Zollverein, dem Nordstern-Park, geadelt durch die Bundesgartenschau, und der Jahrhunderthalle in Bochum können wir eine mögliche emotionale Mitte des Ruhrgebiets schaffen. Von diesen über sechzig Quadratkilometern Grün müssen wir – einfach ausgedrückt - nun einzelne kleine Parzellen in die Wertigkeit setzen, dass dort hochwertige Dienstleistungsstandorte entstehen können. Gleichzeitig können die Menschen dann dort auch wohnen und zwar in einer Qualität, wie sie zum Beispiel im Essener Süden überhaupt nicht mehr machbar ist. Sie können im Essener Süden eben nicht am Baldeneysee oder direkt am Ruhrufer wohnen. Wir können aber solche Lagen am Rhein-Herne-Kanal oder an der Emscher schaffen. Deshalb haben wir unser Projekt „Marina Essen“. Das ist kein Hafenprojekt im eigentlichen Sinne. Wir nutzen die bestehende Infrastruktur Kanal - er wird heute von der Berufsschifffahrt nicht annähernd mehr so genutzt, wie noch vor fünfzig Jahren - und lassen dort eine Freizeit-, Erlebnis- und Wissensregion entstehen. Das heißt, dass dort Menschen an einem künstlich angelegten Hafen wohnen und arbeiten können im Rücken der Schurenbachhalde, des größten Grünzuges von Essen und Gelsenkirchen. Für ein mittelständisches Unternehmen heißt das konkret: Es kann sich hier mit seiner Hauptverwaltung, dem Dienstleistungsbetrieb oder Designstudio beispielsweise auf den unteren zwei Etagen ansiedeln. Der Eigentümer kann in den oberen Etagen wohnen und das Ambiente auch für Freizeitaktivitäten nutzen, indem er sich z. B. sein Boot an den Hafen vor seiner Haustür legt. Damit schaffen wir im Essener Norden Lebenssituationen, die die Menschen an sich nur mit völlig anderen Regionen, nämlich z. B. mit der Mittelmeerküste Frankreichs und ihren entsprechenden Entwicklungen assoziieren. Wir müssen also ganz bewusst mit diesen vielen Ideen umgehen und sie nur richtig zusammenschrauben.
Welche Fähigkeiten werden denn dazu in Zukunft erforderlich sein? Denn gerade die Zusammenarbeit der Kommunen ist ja keine Selbstverständlichkeit.
Also, ich bin da gar nicht so skeptisch wie Sie. So funktioniert beispielsweise die konkrete Zusammenarbeit mit Essen, Gelsenkirchen und Bochum hervorragend. Ich habe von Anfang an überhaupt keine Schwierigkeiten in dieser Zusammenarbeit gehabt. Allerdings gibt es eine Voraussetzung – und das ist schon eine Botschaft des Neuen Testaments: Ich muss immer bereit sein zu geben, um dann natürlich auch zu nehmen. Das heißt, ich muss meinen Kollegen in den Nachbarstädten verdeutlichen, dass eine Zusammenarbeit natürlich einen Mehrwert für uns alle bringt. Ich arbeite zwar für die Stadt Essen, aber meine Tätigkeit kommt auch beispielsweise Gelsenkirchen, Bochum und Mülheim zu Nutzen – von einer Zusammenarbeit profitiert jeder.
Ich bringe mal ein simples Beispiel: Essen hat rund 590.000 Einwohner. Die Städte, die an Essen grenzen, haben zusammen schon über zwei Millionen Einwohner. Die angestoßenen Entwicklungen in den Zwischenräumen unserer Städte haben den Vorteil, dass drei, vier Innenstädte in einer Reichweite von wenigen Kilometern liegen und sie dennoch über die grüne Qualität einer Stadtrandlage verfügen. Bleiben wir beim Beispiel Essener Norden: Nennen Sie mir einen Standort europaweit, der Vergleichbares bietet! Hier können sie gleichzeitig in einer Freizeit- oder Grünsituation wohnen und arbeiten. Jeder, der demnächst in einer solchen Situation in Essen oder Gelsenkirchen wohnt und arbeitet, wird erkennen, dass er nicht mehr in der Einzelstadt, sondern in dieser Millionen-Stadt lebt. Das ist ein wesentlicher Punkt und Vorteil.
Wir haben zum Beispiel direkt neben unserem Marina-Projekt im Essener Norden die letzte U-Bahn-Station auf Essener Gebiet. Und da kommen wir den Menschen entgegen, die vor zwanzig, dreißig Jahren an den nördlichen Rand des Ruhrgebiets gezogen sind und jetzt wieder zurück in die Stadt wollen, da dort Arbeiten und Wohnen besser vereinbar sind. Das ist unsere Story: hochwertiges Wohnen und Arbeiten mit U-Bahn-Anschluss. Dann werden auch die von uns mit Milliarden - da sind wir wieder beim Thema der Nachhaltigkeit - errichteten Infrastrukturen genutzt und die Verkehrsgesellschaften bekommen so wieder ganz andere Deckungsbeiträge. Insofern wird aus einem solchen Ansatz eben ein nachhaltiger Ansatz und ich habe in den vergangenen Jahren nicht die geringsten Schwierigkeiten gehabt, meine Kollegen in den Nachbarstädten von diesen Entwicklungen zu überzeugen. Wir treten mittlerweile zusammen auf den großen internationalen Immobilienmessen auf, seit einem Jahr jetzt auch als „Metropole Ruhr“. Natürlich ist das ein Kunstname, aber er vermittelt im Prinzip ganz deutlich, dass die Summe eben mehr ist als die einzelnen Teile. Wir bieten zusammen einen unvergleichlichen Mehrwert und wir verfügen über eine der größten polyzentral entwickelten Regionen. Lassen Sie mich die Vorteile anhand einiger Beispiele verdeutlichen: Wenn Sie aus dem Fenster meines Büros schauen, dann sehen sie bei gutem Wetter die Schalke-Arena. Essen muss ein solches Stadion nicht vorhalten. Der Grund: Wenn jemand bei uns Spitzenfußball sehen will, dann kann er von Essen aus in wenigen Minuten nach Gelsenkirchen fahren – und ist dabei wesentlich schneller, als wenn er von der Münchener Innenstadt die Allianz-Arena erreichen will. Das gleiche gilt für die Kultur. Die Bochumer Symphoniker spielen in der Essener Philharmonie, die Kurt Masur jetzt gerade als einen der schönsten Konzerträume der Welt bezeichnet hat. Wo gibt es das sonst? Zwei hervorragende Orchester in so kurzer Distanz.
Jetzt komme ich wieder zurück zu meinem Beispiel mit den Trommeln. Wir müssen natürlich immer weiter trommeln, aber wir müssen letztlich auch die Schallwellen, den Resonanzkörper dieser großen Pauke zum Schwingen bringen. Das heißt ganz klar: Jeder entwickelt sich weiter, aber durch diese Zusammenarbeit entwickelt sich jeder schneller, besser, nachhaltiger und wird global wahrgenommen.
Wie sieht das Ruhrgebiet im Jahre 2030 aus?
Das Ruhrgebiet im Jahre 2030 wird noch schöner sein als heute. Wir werden zwar manche Dinge, wie sie nur eine Weltstadt wie London aufgrund ihrer historisch gewachsenen Struktur aufweisen kann nicht haben, dafür werden wir unvergleichlich lebenswerter sein und wir werden nicht diese Brüche haben wie die großen Metropolen. Das ist ja unser Riesenvorteil. Fahren Sie einmal quer durch Paris aufs flache Land. Da fahren sie durch dreißig Kilometer trostlose Vororte. Eine derartige Situation finden Sie nicht mal in den schwierigsten Stadtteilen von Duisburg oder Essen. Wir müssen es nur schaffen, aus den kleinteiligen Entwicklungen im Ruhrgebiet etwas zu machen. Ich glaube, dann haben wir eine Zukunftschance, die wirklich hervorragend ist. Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass aus diesen vielen kleinen Wachstumsstorys dann eine Wachstumsstory werden wird, die zurzeit noch gar nicht wahrgenommen wird. Es geht deshalb auch darum, die Entwicklungen richtig zu kommunizieren. Dass das geht, sieht man ja jetzt zum Beispiel an einer Stadt wie Hamburg, die ewig in Lethargie verhaftet war und jetzt mit entsprechenden Themen auf einmal alles positiv besetzt. Auch dafür müssen wir die handwerklichen Voraussetzungen schaffen – und zwar für jedes einzelne Projekt. Das heißt: Tue Gutes und dann schreiben die Journalisten schon. Das ist für mich überhaupt das beste Marketing.