Interview Dirk Grünewald

Dirk Grünewald ist Präsident der Industrie- und Handelskammer für Essen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen

 

Agenda-Forum:

Herr Grünewald, welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für den Mittelstand in der Region? Ist Nachhaltigkeit für die Unternehmen überhaupt ein Thema?

Ja, natürlich. Nachhaltigkeit ist eine Grundlage unserer Arbeit.  Nehmen Sie als Beispiel ein Unternehmen, das zwischen 30.000 € und 50.000 € in die Ausbildung eines jungen Menschen investiert. Dieses Unternehmen denkt nicht in einem Zeitraum von drei Jahren, sondern denkt darüber nach, einen Mitarbeiter zu schulen, ihn auf die Unternehmenskultur einzustellen, so dass es auch in den nächsten zehn, fünfzehn oder auch zwanzig Jahren von diesem Mitarbeiter profitiert. Ein anderes Beispiel: Wenn ein Unternehmer in eine Immobilie investiert, dann denkt er in Dimensionen von zehn, zwanzig, fünfzig Jahren. Ist es ein deutscher Unternehmer, denkt er viel-leicht noch über diesen Zeitraum hinaus. Ich weiß aus Gesprächen mit Kollegen, dass sich diese Denkweise auch im Bereich Umweltschutz durchgesetzt hat. Die Un-ternehmen, die schon vor zehn oder fünfzehn Jahren daran gedacht haben, ihre Ge-bäude ökologisch auszurichten, fahren heute bestens damit. Persönlich sehe ich das genauso. In meinem Unternehmen werden schon seit über zehn Jahren Gebäude nach dem Niedrigenergiehausstandard gebaut. Schon lange vor der Einführung der Niedrigenergieverordnung und unabhängig davon, ob der Bauherr das will oder nicht. Das gilt natürlich auch für unsere Büroimmobilien, die hier im CentrO sogar zertifiziert sind.

 

Sind das die Ausnahmen von der Regel? Oder ist das eine breite Bewegung?

Das ist schon eine breite Bewegung. Das zeigt sich auch an der folgenden Geschichte:  Ich war im Februar in China und habe fünfzehn Unternehmen besucht. Zehn deutsche, drei amerikanische und zwei anderer Nationalität. Und es war beeindruckend zu sehen, dass selbst die Chinesen schon verstanden haben, den deutschen Unternehmen vor Ort Grundstücke und Objekte anzubieten, die einen hohen ökolo-gischen Standard haben und beispielsweise weit mehr Grünflächen aufwiesen, als die der amerikanischen Ansiedlungen. Es gibt also Bereiche, in denen die Chinesen zwischen den Nationen differenzieren. Sie kennen die höheren Anforderungen an Kanalisation, Abwassertrennung, Bausubstanz und die höheren Ansprüche an die Unterbringung der Mitarbeiter. In der amerikanischen Firma, die ich besichtigt habe, mussten die Mitarbeiter auf dem nackten Betonboden stehen. In den deutschen Un-ternehmen – mit der gleichen Produktion - gab es schon wärmedämmende Trittmatten. Das ist für mich ein eindeutiges Beispiel, dass deutsche Unternehmen das The-ma der Nachhaltigkeit auch international schon sehr weit transportiert haben.

 

Welche Fähigkeiten werden von den Unternehmen im Mittelstand gefordert, um aus solchen Entwicklungen auch wirtschaftliche Vorteile zu ziehen?

Die geforderte Fähigkeit ist in menschlichen Dimensionen zu denken, da der mittelständische Unternehmer in erster Linie zunächst mal Mensch ist. Er steht seinen Mit-arbeitern näher, als dies in großen Betrieben der Fall ist. Ich persönlich könnte nicht in Frieden leben, wenn ich den Standard, den ich für mich und für meine Familie ansetze, vergessen würde, sobald ich den Betrieb betrete. Ich glaube, dass deutsche Unternehmer mittlerweile gemerkt haben, dass es Vorteile bringt, wenn sie sich für nachhaltige Themen einsetzen. Die Vorteile äußern sich in einer positiven Betriebskultur, können sich aber auch positiv in den Kosten widerspiegeln. Ein Nutzen für das Betriebsimage sehe ich hingegen kaum noch, da es mittlerweile fast als selbstverständlich gilt, dieses Thema zu beachten. Allerdings, so meine Beobachtung, erntet man negative Schlagzeilen, wenn man das Thema Nachhaltigkeit nicht angemessen berücksichtigt.

 

Die Beschäftigung mit Nachhaltigkeit kann also positive Wirkungen für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens haben. Welche Form der Unterstützung wünschen Sie sich von anderen gesellschaftlichen Mitspielern, also beispielsweise von der Kommune, von Politik und Verwaltung?

Meine Empfehlung ist, das Machbare zuzulassen. Zum Beispiel ist es für mich als Vater und auch als Unternehmer ein unerträglicher Zustand, wenn ich meine Tochter in einen Kindergarten schicken muss, in dem noch eine Einscheibenverglasung ist. Weil ich sehr wohl weiß, dass sich mit einer einfachen Doppelverglasung und einer Dämmung der Außenhaut viel Energie einsparen ließe und das sich das natürlich wirtschaftlich rechnen würde. Als Vater sehe ich, dass sich mein Kind schneller erkälten kann, wenn es mit dem Rücken zur kalten Scheibe sitzt. Es ist ärgerlich, dass die Investitionskosten oder die Investitionshaushalte bei den Städten so weit runter ge-fahren worden sind, dass Projekte, die Nachhaltigkeit fördern, nicht mehr realisiert werden können, weil entsprechende Mittel im investiven Haushalt nicht zur Verfügung stehen. Sie stehen nicht zu Verfügung, weil sie beispielsweise über konsumtive Aufgaben, sprich Personalausgaben, verausgabt werden.

Wir fördern mit sehr viel bürokratischem Aufwand die Spitzenoptimierung von Häusern. D.h. wir bauen heute Häuser, bei denen die Transmissionswärme, also die Wärmeaußenstrahlung des Gebäudes, so optimiert ist, dass bei einem langen morgendlichen Abschiedskuss an der geöffneten Haustür mehr Energie entweicht, als in der ganzen Nacht durch die Fassade transmittiert wurde. Allerdings machen Häuser dieser Bauart weniger als ein Prozent aus. Neunundneunzig Prozent der Häuser sind zum großen Teil in öffentlicher Hand befindliche Energieschleudern. Es macht keinen Sinn, diesen Prozess fortzusetzen. Vielmehr müssen kreative Kräfte in Gang gesetzt werden, um bestehende Altstrukturen im Sinne von Nachhaltigkeit zu optimieren. Die Städte könnten dabei mit gutem Beispiel vorangehen. Aber auch Landes- und Bundesregierung könnten durch entsprechende Fördermaßnahmen, wie es sie auch in der Vergangenheit gab, einen konjunkturellen Anschub geben, der sich rechnen würde.

 

In Zukunft wird es vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung immer weniger junge Menschen geben. Was können Unternehmen, was kann der Mittelstand unternehmen, um dem Problem des mangelnden Nachwuchses entgegenzuwirken?

Das ist ein Aspekt, auf den die Industrie- und Handelkammer schon seit Jahren hin-weist. Wir fordern unsere Unternehmen natürlich auf, den demografischen Wandel zu beachten. Insbesondere deshalb, weil es heute schon Bereiche gibt, in denen Unternehmen Schwierigkeiten haben, Auszubildende zu finden. Mediengestalter finden sich immer, aber bei den Metallarbeitern gestaltet sich der Sachverhalt schon etwas problematischer. Doch die mittelständischen Unternehmen haben unseren Hinweis verstanden. Sonst wäre nicht zu erklären, warum wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten mit Betriebsschließungen, die Ausbildungsquote in den letzten Jahren trotz-dem noch steigern konnten. Aber wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem wir klar sagen, es ist schwierig, eine letzte Gruppe von fünf oder zehn Prozent der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren. Eine Gruppe, von der wir glauben, dass wir sie brauchen, dass wir sie unterbringen müssen. Doch leider ist es so, dass sich die Bildungsvoraussetzungen dieser Jugendlichen nicht mit unseren Vorstellungen decken. Meines Erachtens ist dies ein ganz wichtiger Aspekt. Wenn wir das Problem lösen wollen, brauchen wir schnelle Entscheidungen.  Wir brauchen einen schnellen Turn-Around in der Bildungspolitik. Die jungen Leute, über die wir sprechen, befinden sich schon in der Pipeline. Wir haben keine Zeit mehr, uns mit Diskussionen auseinander zu setzen. Wir brauchen mehr Lehrer, wir brauchen quali-fizierteren Unterricht, wir brauchen ganz schnell eine Hochqualifizierung dieser jun-gen Menschen, damit wir sie jetzt und vor Ablauf der nächsten drei, vier, fünf Jahre, in denen es noch viele Schulabgänger geben wird, in die vorhandenen Strukturen integrieren können.