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Author: Agenda-Forum Essen e.V.
Datum des Ausdrucks: 05.09.2010 - 21:51 Uhr


 Interview Dr. Joachim Henneke

Dr. Joachim Henneke ist Vorsitzender der Geschäfsführung der Messe Essen GmbH.

 

Agenda-Forum:

Herr Dr. Henneke, die Messe Essen ist nicht nur für Essen, sondern für die ganze Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie entwickelt sich kontinuierlich, neue Messeangebote werden entwickelt und gleichzeitig gibt es eine zunehmende Internatio-nalisierung des Messegeschäftes. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Ihre wirtschaftlichen Entscheidungen? Spielt im Messegeschäft Nachhaltigkeit überhaupt eine Rolle?

Ja, Nachhaltigkeit spielt bei uns eine große Rolle. Schließlich haben wir die Aufgabe, für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, der Region, das ganze Ruhrgebiet, Impulse zu setzen und das nachhaltig und nicht nur punktuell einmal. In diesem Sinne müssen wir natürlich versuchen, eine unternehmerische Aktivität zu entfalten, die nicht kurzatmig, sondern auf längere Sicht ausgerichtet ist. Dem tragen wir dadurch Rechnung, dass wir unsere Messeprojekte sehr langfristig planen. Gerade bei neuen Projekten muss viel Arbeit und viel Geld investiert werden.  Es kann Jahre dauern, bis ein Projekt nicht nur für die Messe Essen, sondern eben auch für die wirtschaftliche Entwicklung der Region positive und nachhaltige Impulse setzt. Deshalb wird bei der Planung der Projekte auch ein sehr langer Zeitraum angesetzt. Bei größeren Pro-jekten planen wir teilweise weit über das Jahr 2010 hinaus.

 

Welche Projekte haben sich als besonders tragfähig erwiesen?

Ein gutes Beispiel ist die „E-World – Energy & water“. Wir haben das Projekt im Jahre 2000 klein und fein mit einem internationalen Forum in der Grugahalle begonnen. Mit den Themenschwerpunkten Energiewirtschaft, Energiehandel und erneuerbare Energien ist die Fachmesse inzwischen einzigartig in Europa.  Die „E-World – Energy & water“ hat auf das unternehmerische Geschehen und damit auf die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Essen und des ganzen Ruhrgebiets eine positive Wirkung.

 

Gibt es weitere Beispiele für die Bedeutung der Nachhaltigkeit im Messegeschäft?

Wir müssen nicht nur bei der Entwicklung unserer Immobilien, den Messehallen und dem Messegelände auf Nachhaltigkeit achten. Wir müssen auch bedenken, dass wir durch unsere Baupolitik eine nachhaltige Entwicklung ermöglichen können.  Es gilt nicht nur die Frage zu beantworten, wie können wir Aussteller erreichen und auf uns aufmerksam machen, sondern wo können wir sie unterbringen. Insofern müssen wir vorausschauend planen und uns fragen, welche infrastrukturellen Voraussetzungen haben wir, um ein Projekt auch in Zukunft in Essen halten zu können. Gibt es  genü-gend Ausstellungsflächen, ausreichend Parkplätze, reichen  die Hotelkapazitäten, die wir im Umfeld haben? Eine lange und vorausschauende Planung ist unverzichtbar.

 

Stichwort Besucher: spüren diese etwas davon, wenn eine Messe „nachhaltig“ wirtschaftet?

Nicht direkt, aber trotzdem ist eine Wirkung natürlich da. Ein Beispiel hierfür ist das städtische Projekt „Ökoprofit“, an dem wir uns beteiligt haben und das zum Ziel hat, Ressourcen wie etwa Wasser zu schonen und gleichzeitig Geld zu sparen. Bei 1,8 Millionen Besuchern im Jahr hat die Messe Essen natürlich einen hohen Wasserverbrauch, denn die Gäste müssen natürlich auch mal auf die Toilette, wenn sie uns einige Stunden oder einen ganzen Tag besuchen.  So kommen im Jahr einige Tausend Kubikmeter Wasser zusammen. Wassersparende Toilettenanlagen sind teuer und es dauert eine ganze Weile, bis sich die Kosten durch die Einsparungen decken. Uns ist die Ressource Wasser allerdings so wichtig, dass wir uns an dem Projekt beteiligt haben, auch wenn sich die Rentabilität der Maßnahme erst in etlichen Jahren einstellt.

Ein anderes Beispiel: In den Jahren 1999/2000 haben wir das größte Bauprojekt in der Geschichte der Messe Essen realisiert: Nach dem Entwurf von Mario Bellini aus Mailand wurde ein komplett neuer Westflügel, die „Galeria“, sowie weitere Verände-rungen im Gesamtunternehmen umgesetzt. Das Schöne ist, dass wir bei der Galeria das positive, nachhaltige, ökologisch Sinnvolle mit dem ästhetisch Wertvollen verbin-den konnten. Die Galeria hat eine dachintegrierte Photovoltaikanlage, mit der wir So-larstrom erzeugen, der ins Netz eingespeist wird. Ein gutes Beispiel um zu zeigen, dass eine nachhaltige Technologie, in diesem Fall im Bereich der erneuerbaren E-nergien eingesetzt werden kann und das zugleich auch ein ästhetisches, architekto-nisches Signal und Highlight darstellt.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen: Lassen sich Entscheidungsträger schnell von der Umsetzung langfristig orientierter Projekte überzeugen oder ist das eher schwierig?

Soweit man auf Entscheidungen anderer Menschen angewiesen ist, muss man schon gewisse Überzeugungsarbeit leisten. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass Entscheidungsträger nachhaltigen Projekten durchaus aufgeschlossen gegen-über stehen, wenn man die richtigen Argumente auf seiner Seite hat und das Projekt finanziell darstellbar ist.  Das können Sie auch daran erkennen, dass wir eine Menge von Maßnahmen tatsächlich realisiert haben.

 

Haben Sie den Eindruck, dass dem Faktor Infrastruktur im nationalen und internationalen Wettbewerb mit anderen Messen eine größere Bedeutung zukommt, als dies früher der Fall war?

Ja, auf jeden Fall.  National und International gibt es einen enormen Wettbewerbsdruck. Behaupten und hervorheben kann sich nur die Messegesellschaft, die den Kunden und den Besuchern Besonderheiten anbieten kann: Einen besonders guten Service, eine besonders ansprechende Gestaltung der Hallen, eine besondere Archi-tektur und natürlich eine intakte Infrastruktur, wie zum Beispiel eine ausgeprägte Ho-tellandschaft. Konkret gesagt: In Essen haben wir damit  zurzeit ein Problem. Wir haben, insbesondere wenn wir große internationale Messen haben, nicht annährend genug Hotelkapazitäten in Essen und Umgebung. Das führt dazu, dass bestimmte Veranstaltungen nicht durchgeführt werden können, obwohl sowohl unsere Messe- als auch unsere Kongresskapazitäten ausreichend sind. Es scheitert daran, dass nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. An diesem Beispiel sieht man sehr deutlich, welche Bedeutung die Infrastruktur für das Messegeschäft hat.  Messe- und Kongresskapazitäten  werden in ganz Deutschland angeboten, auch gibt es fast überall ein dazugehörendes Hotelangebot. Wer einem Veranstalter, der mit rund 3000 Gästen anreisen möchte, sagen muss, dass diese notfalls in Privatquartieren schlafen können, muss mit der Antwort „Nein danke, dann gehen wir eben nach Hamburg, Berlin, Düsseldorf oder München“, rechnen.

 

Welche Bedeutung hat das vor dem Hintergrund dieses schnellen Wandels das Wissen der Mitarbeiter der Messe im Bezug auf z.B. Infrastruktur, die Internationalisierung des Geschäftes und ganz allgemein zukünftige Entwicklungen?

Das Wissen spielt eine ganz entscheidende Rolle. Wir sind ein Dienstleistungsunter-nehmen und das Dienstleistungsunternehmen lebt, wenn es Erfolg haben will, nicht nur von einer intakten Infrastruktur, sondern auch vom Wissen, von der Einsatzbereitschaft, von der Serviceorientierung aller Mitarbeiter, die direkt am Kunden arbei-ten. Es gibt Mitarbeiter, die organisieren Messen, andere akquirieren Kunden. Dann gibt es die Servicebereiche, Technik und die Presseabteilung. Zusammen genom-men ist sowohl das Wissen, aber auch die mentale, serviceorientierte Einstellung der Kolleginnen und Kollegen, von herausragender Bedeutung für unser Unternehmen.

 

In Deutschland wird – zunehmend auch von politischer Seite her - der Ruf lauter, dass sich Unternehmen unter dem Begriff „Corporate Citizenship“ verstärkt in gesellschaftlichen Bereichen engagieren. Ist das auch ein Thema für die Messe Essen?

Ja, natürlich. Wir engagieren uns in vielfältiger Weise, auch unabhängig vom Nutzen für das Unternehmen. Wir leisten Hilfestellung, wenn Sponsoren für Veranstaltungen fehlen, wenn die Stadt keine ausreichenden Möglichkeiten hat, ein Event zu finanzieren oder die entsprechende Manpower fehlt. Wir unterstützen Sportler, wir unterstüt-zen Sportvereine, wir sind im kulturellen Bereich aktiv. Wir machen bei Umweltprojekten mit, helfen an der einen oder anderen Stelle, auch bei sozialen Einrichtungen, sind Mitglied in zahlreichen Vereinen, Institutionen, karitativer und sonstiger Art. Also, da sind wir schon sehr gefordert und wir machen das gerne und mit viel Begeiste-rung. Wir wirtschaften autark, so dass unser Engagement nicht darauf zurückzufüh-ren ist, dass wir das Gefühl haben, dass wir Zuschüsse, die wir von der Stadt oder vom Land bekommen haben, auf diese Art wieder zurückgeben müssen. Wir verste-hen unser soziales Engagement als zusätzliche Leistung zu unseren wirtschaftlichen Aktivitäten.