Interview Prof. Dr. Lothar Zechlin
Prof. Dr. Lothar Zechlin ist Grundrektor der Universität Duisburg-Essen
Agenda-Forum:
Herr Zechlin, die Vereinten Nationen haben die UN-Dekade für eine nachhaltige Bildung ausgerufen und damit deutlich gemacht welchen Stellenwert Bildung für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft und der Gesellschaften auf der Welt haben. Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit im Sinne der Beschlüsse von Rio 1992 für die Entwicklung der Universität Duisburg-Essen?
Zunächst kann man sagen, dass Bildung per se ein Gut ist, das nachhaltig wirkt. Es dauert lange, bis sich Menschen Bildung angeeignet haben und es dauert noch länger, bis die Bildung dann produktiv wird. Produktiv in dem Sinne, dass Menschen durch ihr gesellschaftliches und ihr berufliches Handeln, das was sie erlernt haben, was sie sich angeeignet haben, in die gesellschaftliche Praxis übersetzen. Bildung ist ein äußerst langfristiges Gut und wirkt insofern nachhaltig und nicht nur kurzfristig. Die Fusion der früheren Universitäten - Gesamthochschulen Duisburg und Essen zur Universität Duisburg-Essen dient unter anderem dem Ziel, die Zukunftsfähigkeit der Universität zu sichern. Das können wir dadurch erreichen, dass wir Fächer zusammenlegen, größere Einheiten bilden, die dadurch spezialistischer und in Folge dessen auch forschungstiefer arbeiten können. Dies kommt letztlich auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs zugute, dessen Bildung eine wichtige Aufgabe der Universität ist. Und insofern glauben wir, dass wir durch die intern anstehenden Veränderungen sehr entscheidend dazu beitragen, dass die Universität zukunftsfähig ist und das bedeutet, dass ihr Wirken nachhaltig in die Gesellschaft hineinwirken wird.
Welche Veränderungen und möglicherweise neue Lernanforderungen kommen auf die Studierenden zu, die jetzt in der Ausbildung sind oder die demnächst ein Studium beginnen werden? Müssen wir demnächst alle lebenslang lernen?
Die Anforderung, die auf die Menschen zukommen wird, heißt „Flexibilität“. Richard Sennett hat vor rund zehn Jahren das Buch „Der flexible Mensch“ veröffentlicht. Diese Flexibilität bedeutet meines Erachtens, dass man sich die methodischen Kenntnisse aneignet, die einen dazu befähigen, ständig weiter zu lernen. Für die Universität bedeutet das, dass sie nicht nur Fachkenntnisse vermittelt, die rasch veralten. Den Studierenden müssen methodische Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben werden, damit sie neue Fachkenntnisse selbständig generieren können. Für die Curriculum-Struktur heißt das, dass wir im Rahmen der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge bei den Bachelor-Phasen gut beraten sind, breite generalistische Qualifikationen zu vermitteln und keine engen spezialistischen, die bald wieder veralten. Zu diesen generalistischen Funktionen gehört die Fähigkeit, Lernen zu können.
Wie reagieren die Lehrkräfte, ProfessorInnen, DozentInnen auf der einen Seite und die Studierenden auf der anderen Seite auf diese Entwicklung? Sind sie offen für diese „neue“ Art des Lernens?
Ich glaube, was das Ziel betrifft, sind sich alle einig. Das Ziel wird nicht als Kulturwechsel definiert, es gehört schon zur klassischen Humboldtschen Universität. Die berühmte Einheit von Forschen und Lehren zielt ja genau darauf ab, das selbstbestimmte, autonome Individuum zu stärken, damit es in der Lage ist, sich eigenständig in der Gesellschaft zu entwickeln. Das Ziel ist also klar, schwieriger ist die konkrete Umsetzung. Die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge geschieht bundesweit, daher gibt es auch keinen großen Streit mehr wegen der Veränderung. In Duisburg und Essen sind wir mittendrin, so dass wir die meisten Studiengänge bereits mit Beginn des kommenden Studienjahres 2006/2007 umgestellt haben. Einige andere werden wir zum Beginn des Studienjahres 2007/2008 umstellen.
Was wird die wichtigste Funktion der Universität Duisburg-Essen aber auch allgemein der Ruhrgebiets-Universitäten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein?
Was die Ausbildung anbelangt, möchten wir Studierenden so qualifizieren, dass sie selbst ihren Weg gehen können und nicht darauf angewiesen sind, einmal Gelerntes wiederherzubeten. Darüber hinaus haben die Ruhrgebiets-Universitäten Forschungsarbeiten zu leisten und diese Forschung aktiv in die Gesellschaft, also in die Region zu kommunizieren. Universitäten machen sich auch für Ausgründungen stark, was noch zu verstärken sein wird, und sind ferner ein Standortfaktor für Firmenansiedlungen.
Welche Chancen sehen Sie für hiesige mittelständische Unternehmen, wenn sie eine engere Verbindung zur Universität pflegen? Können die Unternehmen möglicherweise einen größeren Nutzen daraus ziehen?
Chancen gibt es bestimmt, allerdings erfordert das Anstrengung auf beiden Seiten. Von unserer Seite besteht das Interesse, den Bereich des Transfers zu stärken.
Ist der Begriff Nachhaltigkeit ein Modebegriff? Wird das Thema auch in Zukunft Bestand haben oder wird es irgendwann einmal einen anderen Begriff geben, der an die Stelle von Nachhaltigkeit tritt?
Moden gibt es immer. Nicht nur in der Mode selbst, sondern auch im Management. Es wäre allerdings ein Widerspruch in sich, wenn das Thema Nachhaltigkeit nur kurz aufscheinen würde, um dann wieder zu verschwinden. Nachhaltigkeit nimmt in Anspruch dauerhaft langfristig zu wirken. Ich glaube, dass man auch beim Thema Universitätsreform gut beraten ist, mit größerer Nüchternheit Reformen vorzunehmen, die solide durchgerechnet sind. Meines Erachtens ist das die Bedingung für dauerhafte und haltbare Reformen.