Interview mit Dr. Klaus Töpfer
Dr. Klaus Töpfer war bis zum 1.4.2006 Executive Director UNEP, Nairobi, Kenia, der Umweltorganisation der Vereinten Nationen
Herr Töpfer, der Prozess der Agenda 21 dauert inzwischen über ein Jahrzehnt. Wie bewerten Sie die Entwicklungen, was seitdem geschehen ist? Ist unsere Welt „nachhaltiger“ geworden?
Rio de Janeiro 1992 – ein visionärer Weltgipfel mit viel Aufbruchstimmung nach der Überwindung der bipolaren Welt. Die Ernüchterung nach Rio war weltweit ganz erheblich. Mit einer Ausnahme: Das große Engagement unzähliger Städte und Gemeinden im "Agenda21" –Prozess! Die entscheidende Veränderung: Viele Tausende, ja Millionen Menschen wurden sich ihrer eigenen Verantwortung und ihrer eigenen Herausforderung zum Tun bewusst. Damit konnte das Bewusstsein, konnte die Herausforderung an Politik erhalten und wesentlich verstärkt werden.
Die Vereinten Nationen haben 2005 die Weltdekade für eine „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgerufen. Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen den aktuellen Agenda-Prozessen und dem Thema Bildung?
Nachhaltige Entwicklung muss immer wieder aufs Neue angestoßen und getragen werden von den vielen Bürgern in ihrem alltäglichen Leben. Junge Menschen müssen bereits ganz selbstverständlich zum Mittun, vor allem auch zum Mitdenken motiviert werden. So ist "Bildung für Nachhaltige Entwicklung" vor allem eine Anforderung an die lokale Ebene. Die vielen Initiativen ganz unterschiedlicher Art - von Veranstaltungen im sportlichen bis zum kulturellen Bereich, von den Projektarbeiten in den Schulen bis zu den Veranstaltungen für Senioren - damit wird ein lebhafter, ein wirklich von der Bevölkerung getragener Agenda 21- Prozess zu einem der wichtigsten Bestandteile der UN Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung“.
Agenda-Prozesse, sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene, verlangen häufig auch ein Umdenken in der Verteilung von Gütern und Ressourcen. Was kann man tun, wenn dieser Ausgleich / diese Umverteilung von den „Reichen“ oder „Habenden“ nicht gefördert oder mitgetragen wird?
Tagtäglich erfahre ich es an meinem Dienstsitz in Nairobi, in Afrika: Armut muss beseitigt werden, wenn Frieden in dieser Welt gewährleistet werden soll. So ist es eine Investition in eine friedliche Entwicklung, die gerade auch den Menschen in den so genannten "reichen" Ländern zugute kommt, wenn in die Lebenschancen der Menschen In fernen Regionen investiert wird. Dieses sind keineswegs Almosen - es sind Rückzahlungen von Schulden, die wir in den reichen Ländern mit dem Abwälzen der Umweltkosten unseres Wohlstandes verursacht haben und weiterhin verursachen. Der Klimawandel ist ein besonders eklatantes Beispiel hierfür. Weiterreichende Maßnahmen, etwa Im Bereich von Steuern und Abgaben, müssen den dringlich erforderlichen Ausgleichungsprozess fördern.