Interview mit Wili Overbeck
Willi Overbeck ist Evangelischer Pfarrer und Leiter des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt
Agenda-Forum:
Herr Overbeck, Nachhaltigkeit im Sinne der Lokalen Agenda 21 erstreckt sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche, wie Stadtentwicklung, Infrastruktur, Gesundheit, Kultur, Bildung, Wirtschaft und dabei geht es nicht zuletzt auch um soziale Aspekte. Besonders im Ruhrgebiet stellen wir fest, unsere Gesellschaft wird immer bunter und eine ganz besondere Herausforderung ist dabei die Integration vor allem von jüngeren Migranten. Aber viele Migranten-Kinder haben auf dem Ausbildungs- und Jobmarkt kaum noch Perspektiven. Werden diese Kinder zu einer „Lost Generation“?
Migration ist für das Ruhrgebiet ja keine Neuheit. Das Ruhrgebiet ist eigentlich durch Migration entstanden. Der Hauptfaktor für Integration war dabei immer die Arbeit. Wenn Arbeit nun nicht mehr in dem Maße vorhanden ist und auf dem Arbeitsmarkt keine Wende eintritt, kann es sein, dass man von einer „Lost Generation“ oder gar einer „Loosing Society“ sprechen kann. Wir sollten allerdings nicht nur über Migranten reden, sondern auch über junge deutschstämmige Leute, die vielleicht aus bildungsfernen Schichten kommen und keine Chancen haben. Wenn wir die Kreativität, die Energie dieser Leute brach fallen lassen, kann es sein, dass sie sich ihre eigenen Wege suchen und vielleicht werden sie z.B. auf kriminelle Art und Weise versuchen, ihr Einkommen zu sichern. Die Gesellschaft wird dabei verlieren.
Was müsste aus Ihrer Sicht getan werden, um das zu verhindern?
Wir sollten uns den jungen Leuten zuwenden. Am schwierigsten wird es allerdings sein, Menschen mit türkischer oder arabischer Herkunft zu integrieren. Ich glaube, das liegt an der ablehnenden Haltung, die ein Teil unserer Gesellschaft gegenüber diesen Menschen schon recht lange hat. Ablehnungsreaktionen gegen Fremdheit findet man immer, in jedem Land, in jedem Volk. In Deutschland hat dies dazu geführt, dass sich viele junge Menschen verstärkt dem Islam zugewendet haben und weiter zuwenden, um durch den Glauben eine Identität zu finden. Ich behaupte, dass ihnen der Zugang zu der deutschen Gesellschaft nicht gerade leicht gemacht wurde. Ich schlage daher vor, jetzt ein neues Gespräch in deutscher Sprache zu beginnen. Ein Gespräch über Werte, über Geschichte, über die Zukunft, die dann eine gemeinsame sein muss. Es gibt ja im Stadtgebiet Essen durchaus Stadtteile und Quartiere, in denen heute schon weit mehr als 50 Prozent aller Kinder mit Migrationshintergrund leben. Wir wissen also, wie in dieser Stadt die Jugend von morgen aussieht. Und deshalb würde ich dafür plädieren, jetzt im Vorschulbereich, im Bereich der Kindergärten und der Schule das Thema Bildung, Sprache, Werte, Ausbildung, Dialog ernst zu nehmen.
Wer soll dazu die Initiative ergreifen? Die Jugendlichen selbst?
Die Jugendlichen selber haben ja die wenigsten Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen ihrer Bildung selber zu bestimmen. Da wir hier im Rahmen der lokalen Agenda in Essen sprechen, reden wir über die Stadtgesellschaft und diese Stadt mit ihren knapp 600.000 Einwohnern. Von daher würde ich sagen, die Initiative müsste von denen ausgehen, die politische Verantwortung tragen, besonders im Bildungsbereich. Selbstverständlich ist aber auch die Bürgergesellschaft gefragt oder die Unternehmen, da wir die Arbeitsmärkte wieder transparenter gestalten müssten. Vielleicht sollten wir unsere ganze Gesellschaft im sozialen Sinne etwas barrierefreier gestalten.
Was ist der „Stellhebel“, um diese Entwicklung in Gang zu setzen bzw. noch weiter zu verstärken?
Ich finde, das Hauptthema heißt Bildung. Bildung ist bekanntlich teuer, aber keine Bildung ist noch teurer. Kindergärten und Schulen sind dabei die ersten Integrationsorte. Wir fragen uns nach den Pisa-Studien immer wieder, warum die skandinavischen Länder, insbesondere Finnland, so viele Erfolge im Bereich Bildung verzeichnen. Werfen wir einen Blick auf das Land, finden wir ein Schulmodell, wo die Schule der Ort ist, an dem Defizite erkannt und auch behoben werden. Da gibt es nicht diese Angewohnheit, die Schuld im Elternhaus, bei den Kindern, Jugendlichen oder beim Fernsehen zu suchen. Die Schule fühlt sich verantwortlich dafür, ob die Kinder Schuhe tragen, ob sie Nachhilfe brauchen, ob sie ihre Schularbeiten machen, wie sie in den Beruf kommen. In der Schule werden die Kinder quasi auf den Prüfstand gestellt: Ihre Gesundheit, ihre Beweglichkeit, ihre Defizite in der deutschen Sprache. Mein Vorschlag ist daher, sich dem Sektor „Bildung“ zuzuwenden und hier auf keinen Fall zu sparen, sondern zu investieren, wenn es denn wahr ist, dass es die Kinder sind, die die nächsten Runden unserer Gesellschaft gestalten. Insbesondere beim Blick in den Essener Norden kann ich nur sagen: Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund - aber wir haben auch keine anderen...
Was würden wir grundsätzlich verlieren, wenn wir uns nicht um diese Jugendlichen kümmern und sie in unsere Gesellschaft integrieren? Was würde dann passieren?
Wir werden in bestimmten Stadtteilen die Bewegungsfreiheit verlieren. Es wird Stadtteile geben, die man bei Dunkelheit nur noch mit einem unguten Gefühl oder gar nicht mehr betritt.
Also französische Verhältnisse?
Ich will sie nicht heraufbeschwören, aber sie werden eintreten, wenn diese Leute ihr Geld nicht auf eine Weise verdienen können, wie es unseren Möglichkeiten einer zivilisierten Gesellschaft entspricht. Doch ich glaube, dass wir in Deutschland die Möglichkeit zur Wende haben. Deutschland ist noch relativ empathisch. Das sieht man an den großen Spendensummen, die bei Katastrophen wie zum Beispiel der Tsunami-Katastrophe zusammenkommen. Ich würde mir diese Empathie auch in Bezug auf die Situation von Kindern und Jugendlichen wünschen, die ja nicht durch eigenen Entschluss hierhin gekommen sind, sondern durch den ihrer Eltern oder Großeltern, die hier Arbeit gesucht haben. Andcere sind vor Kriegen geflüchtet, manche sind Armutsflüchtlinge. Diese Themen wird man auch nicht mit dem Thema Einwanderungsgesetzgebung in den Griff kriegen. In Deutschland werden jedes Jahr etwa eine Million Kinder geboren, die qua Geburt Deutsche sind, aber in einem Haushalt mit Migrationshintergrund aufwachsen. Wir dürfen dieses Thema nicht ignorieren, wir müssen uns dem Thema zuwenden. Wir dürfen nicht sagen: ‚Mulitkulti ist out!’ ‚Bunt ist out!’ oder ‚Sollen sie doch wieder da hingehen, wo sie herkommen’. Das wird alles nicht funktionieren. Wir werden uns diesem Thema mit den Instrumenten zuwenden müssen, die hier angemessen sind und das sind die Themen Bildung und Arbeit.
Inwieweit sind die unterschiedlichen Kulturen, die in unserer Stadt leben, auch eine Bereicherung? Kann unsere Gesellschaft von einer kulturellen Vielfalt profitieren?
Wenn wir über Migration und Bildung sprechen, dann sollten wir die Menschen, die ausländischer Herkunft sind und zwei Sprachen sprechen, auch in ihrer eigenen Sprache bestärken, denn Zweisprachigkeit ist einfach ein enormer Vorteil. Ich finde, jeder sollte seine Muttersprache lernen, aber gleichzeitig genauso gut Deutsch sprechen können. Für Kinder dürfte das kein Problem darstellen, da Kinder sehr leicht lernen. Deutschland ist nach wie vor Exportweltmeister, die Globalisierung nimmt zu und daher sollten wir uns die Frage stellen, welches Gut wir verschleudern, indem wir nicht Menschen fördern, die arabisch, türkisch oder eine asiatische Sprache sprechen. Wir sollten Migranten so fördern, dass sie beide Sprachen gut beherrschen und wir sie durch Arbeit integrieren können. Das wird in vielen Bereichen nicht leicht sein, diese Region hat es ja auch nicht leicht. Kohle und Stahl waren mal die großen Arbeitgeber und durch diese sind viele Menschen hierhin gekommen. Aber diese Arbeitsplätze gibt es nicht mehr. Wir werden das Thema Arbeit also nicht alleine mit dem ersten Arbeitsmarkt lösen können. Möglicherweise werden wir einen zweiten geförderten Arbeitsmarkt entwickeln müssen, der dem Gemeinwohl dient.
Was müssen wir also unternehmen?
Klimatisch leben wir im hier im nordischen Regenwaldgürtel. Wo nichts passiert, wächst Wald. So sind beispielsweise die Errungenschaften der „Grünen 14“ zugewachsen. Die „Grüne 14“ war ein großes Projekt zur Begrünung des Essener Nordens, das im Rahmen der IBA aufgegriffen und weiter entwickelt wurde durch die Vernetzung der Grünzüge im gesamten Emschergebiet.. Die Errungenschaften dieser Initiative müssen wir wieder freischneiden. Wir wissen auch über den Zustand der Schulen. Wir kennen die Anmutungsqualität vieler Straßen und Plätze. Warum arbeiten wir also nicht im Gemeinwohlinteresse? Warum fördern wir nicht stärker die Kultur? Einwanderung kann zu einer Bereicherung führen. Sie kann stattfinden, wenn man sie annimmt und ausbildet, fördert und akzeptiert, sich dadurch nicht bedroht fühlt. Letztens hörte ich in einer Fernsehsendung den Begriff „Willkommenskultur“. Ich finde, genau darum geht es. Wir müssen diesen Menschen gegenüber deutlich machen, dass sie willkommen sind. Unsere Gesellschaft lehnt in Teilen noch ab. Das ist nicht zukunftsfähig. Damit grenzen wir sie aus. Damit treiben wir sie natürlich in die Arme einer eigenen Gesellschaft. Wenn sie hier wohnen, aber in dieser Gesellschaft nicht ankommen, dann wird zwangsläufig eine Parallelgesellschaft entstehen. Jeder Mensch hat das Recht auf Würde. Jeder Mensch hat das Recht auf Identität und wenn wir nicht bereit sind, das anzuerkennen, dann akzeptieren wir sie nicht und dann fördern wir sie nicht. Dann hoffen wir, dass sie verschwinden. Sie werden aber nicht verschwinden.Schlechtenfalls in den Untergrund.
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