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Author: Agenda-Forum Essen e.V.
Datum des Ausdrucks: 16.11.2018 - 18:41 Uhr


 Interview Peter Liedtke

Peter Liedtke ist Fotograf und leitet das Pixelprojekt_Ruhrgebiet

 

Agenda-Forum:

Herr Liedtke, was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie als Fotograf?

Als Fotograf setze ich mich mit der Umwelt, mit der Landschaft, mit dem was mich umgibt, auseinander. Das was ich tue ist keine Abbildung von dem was ich sehe, sondern von dem was ich denke und empfinde. Hinter meiner Arbeit steckt immer eine Auseinandersetzung mit einer mich umgebenden Umwelt und einer mich umgebenden Gesellschaft. Sehr stark setze ich mich auch mit dem Ruhrgebiet auseinander, da ich mit der Region sehr tief verwurzelt bin und die Region für mich viele Fragen von gesellschaftlicher Entwicklung aufwirft. Das Ruhrgebiet ist eine Region, die durch Industrialisierung entstanden ist. Den Menschen wurde Brot und Arbeit gegeben. Aber mit dem Verschwinden der Arbeit hat ein Wandel eingesetzt. Nicht nur die Landschaft wurde neu aufgebaut, sondern den Menschen wurden neue Ziele gegeben. Darin sehe ich für mich ganz, ganz viele Fragestellungen, die mich als Mensch und als Künstler interessieren. Als Fotograf versuche ich dies in meinen Fotoarbeiten umzusetzen und daraus Bilder zu machen, die meinen innerlichen Prozess, meine innerliche Auseinandersetzung zeigen. Meine Arbeiten sollen anderen wiederum Impulse geben, sich selbst mit den Fragestellungen der Region auseinander zu setzen.

 

Wie lässt sich das Pixelprojekt_Ruhrgebiet als Sammlung fotografischer Kunst aus der Region mit dem Thema Nachhaltigkeit in Verbindung bringen?

Das Pixelprojekt_Ruhrgebiet versteht sich als regionales Gedächtnis, indem es die verschiedensten Fotografen und ihre unterschiedlichen Ansätze und Positionen in einer digitalen Sammlung im Internet vereint. So wie ich mich mit der Region Ruhrgebiet und mit einzelnen Aspekten auseinandersetze, gibt es viele ernsthafte Fotografen, die sich mit dem Ruhrgebiet beschäftigen. Der eine interessiert sich für multikulturelle Gesellschaft, der andere für die Landschaftsbauwerke oder Halden, der nächste findet Abwasserkanäle spannend und wieder ein anderer verfolgt die Spuren der Freizeitgesellschaft in der Region. Die Fotografen entwickeln einen persönlichen Blick, in dem sie Menschen, Orte oder Dinge so zeigen, wie sie sie sehen. Ihre Bilder, in der Regel sind sie in einer Serie vereint, werden zum Beispiel in Zeitschriften, manchmal in Büchern, veröffentlicht. Oftmals werden sie auch in Ausstellungen gezeigt. Pixelprojekt_Ruhrgebiet versucht all die Arbeiten, die im Ruhrgebiet entstanden sind, zu sammeln, sie nebeneinander zu stellen und sie im Internet sichtbar zu machen. Interessant sind auch ältere Arbeiten. Die älteste Arbeit in unserer Sammlung ist übrigens von 1949.

 

Worin liegt die Bedeutung einer fotografischen und fotogeschichtlichen Betrachtung des Ruhrgebiets? 

Fotos geben uns nicht nur Einblicke in die verschiedensten Themen, sondern sie laden uns auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit diesen Themen ein. Nehmen wir beispielsweise den historischen Aspekt von Fotoarbeiten. Es gibt Bilder, die zeigen sowohl den wirtschaftlichen Aufbruch, als auch den wirtschaftlichen Niedergang der Region. Diese Bilder präsentieren, wie aus einem Kanal, der eigentlich zum Transport für Erz und Kohle gedacht war, plötzlich ein Ort wird, an dem rituelle Waschungen von Hindus stattfinden. Sie zeigen, wie aus einem alten Stahlwerk plötzlich ein Ort wird, an dem Makroforschung betrieben wird oder sie führen vor, wie aus alten Industriehallen plötzlich Konzerthäuser werden. Wer sich diese Bilder anschaut, setzt sich gleichzeitig auch mit der Geschichte und der Entwicklung der Region auseinander. Dies ist meines Erachtens sehr wichtig und ich denke, dass Bilder Geschichte ebenso lebendig halten können, wie es Texte tun. Nur auf eine andere Art eben.

 

Inwieweit hilft Kunst dabei, in den Köpfen etwas zu verändern? Inwieweit kann sie dazu beitragen, das Thema Nachhaltigkeit zu transportieren?

Klassisch guckt man immer auf Statistiken, schaut auf demografische Daten und probiert aus diesen Punkten Erkenntnisse herzuleiten. Ich glaube, Kunst hat da ganz andere Möglichkeiten, die zwar nicht klassisch lesbar und wahrscheinlich auch nicht wissenschaftlich belegbar sind, die aber dennoch für eine umfassende Auseinandersetzung enorm wichtig sind.  Vielen mag klar sein, dass wir etwas tun müssen, wenn wir diese Welt für unsere Kinder erhalten wollen. Doch wie können wir unser Handeln ändern und wie können wir diese Welt verändern? So lange wir glauben, dass wir höher, schneller und weiter vorankommen müssen, wird es zu keinen Veränderungen kommen. Meines Erachtens muss erst ein Wertewandel einsetzen. So ein Wandel beginnt in den Köpfen und in den Herzen und ich glaube, das Herz erreicht man nicht über statistische Daten, oft eignen sich Fotografien besser. Fotografien, die in einem etwas auslösen, Fotografien, an denen man Ideen festmachen kann, Fotografien die wirken, und vielleicht dadurch eine Veränderung der Werte und damit auch des Handelns erreichen können.

 

Haben Sie vielleicht ein konkretes Beispiel dafür, inwieweit Kultur oder Fotokunst auf Denkprozesse oder Handlungen Einfluss nehmen kann?

Ein Beispiel ist für mich das Pixelprojekt, das auch mit dem Prozess der Internationalen Bauausstellung zusammenhängt. Was wir zum Beispiel von der IBA Emscherpark wissen und kennen, sind unter anderem die Bilder, die von den Projekten gemacht wurden. Wenn ich beispielsweise die „Bramme“ auf der Schurenbachhalde anspreche, haben Sie bestimmt ein Bild im Kopf. Ein Bild, dass Sie vielleicht auf einer Fotografie gesehen haben und das sie eventuell neugierig gemacht hat, die Halde zu besuchen und die Bramme zu besichtigen. Eine wichtige Funktion von Fotografie ist demnach, Menschen bestimmte Orte näherzubringen, sie neugierig zu machen, sie bestimmte Orte anders sehen zu lassen. Ein schönes Bild der Toskana, wo die Fassade von den Häusern abblättert, wird auch erst dadurch schön, dass man es als Schönheit kommuniziert. Diese Kommunikation erfolgt nicht zuletzt über Bilder, über Fotografien. Ich glaube, viele Bilder über das Ruhrgebiet, die inzwischen in den Köpfen angekommen sind, wurden durch Fotografien zu den Menschen gebracht. Also von daher glaube ich schon, dass Kunst allgemein und Fotografie insbesondere die Möglichkeit hat, Menschen neue Bilder und damit neues Denken zu vermitteln.

 

Wer über Nachhaltigkeit nachdenkt, beschäftigt sich auch sehr stark damit, wie die Zukunft aussieht, in der er leben möchte. Haben Sie eine Empfehlung, wie oder ob man Kunst, Fotokunst oder Kultur in diesen Prozess einbeziehen kann?

Die ernsthafte Fotografie ist immer schon ein Teil einer Auseinandersetzung. Ich glaube, dass wir Bilder, Fotografien brauchen, die uns Kraft geben für zukünftige Perspektiven. Bilder sind schließlich nicht nur die Abbildung einer Gegenwart, sondern sie sind immer auch eine Interpretation dessen was ein Künstler gesehen hat. Bilder sind für die Zukunft wichtig, da sie zum einen auf die Vergangenheit Bezug nehmen, sie zum anderen aber auch einen Ausblick auf das geben, wo wir hinwollen oder im anderen Fall eben nicht hinwollen.