Interview Bodo Hombach
Bodo Hombach ist Geschäftsführer der WAZ-Gruppe
Agenda-Forum Essen:
Welchen Einfluss haben die Kriterien von Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit für Ihre wirtschaftlichen Entscheidung?
Das „Begriffs-Doppel“ ‚Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit’ wird auf unterschiedlichen politischen Ebenen unterschiedlich interpretiert.
Zukunftsfähigkeit auf allen wirtschaftlichen Gebieten ist abhängig von der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung in unserem Land. Diese ist wiederum abhängig von einer klaren, zielführenden ordnungspolitischen Ausrichtung, das Wissens- und Kreativpotenzial im Bildungswesen sowie die Innovations- und Investitionsbereitschaft der Unternehmen zu fördern.
Das sind überlebensnotwendige Schritte zur nachhaltigen Sicherung der Zukunftsfähigkeit unseres Gemeinwesens.
Für die WAZ bedeutet Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Sinne auch regelmäßig Anpassung an die sich verändernde Welt. Mit unseren zukunftsweisenden Investitionen in den Relaunch unserer Zeitungen an Rhein und Ruhr, der Anschaffung von modernster Drucktechnik im Wert von ca. 220 Mio. € und dem vorausschauenden Engagement im europäischen Ausland stellen wir uns zukunftsfähig auf. Ziel ist es, die WAZ in ihrem Kerngebiet, dem Ruhrgebiet, so zu entwickeln, dass sie in ihrer wirtschaftlichen Stärke weiterhin journalistische Freiheit und einen freien Markt in ihrem Verbreitungsgebiet gewährleistet. Selbstverständlich kann sich die WAZ auch nicht neuen Entwicklungen wie z. B. der Globalisierung verschließen. Es besteht Interesse internationaler Verleger am deutschen Markt; wir interessieren uns für die internationalen Märkte.
Die Globalisierung, der internationale Wettbewerb um Ideen und Märkte, darf uns nicht schrecken, sondern muss eine Herausforderung für uns sein. Nur müssen wir auf unserem Heimatmarkt die Weichen Richtung Wachstum ebenso stellen können wie auf unseren Märkten in Österreich und in den Transformationsstaaten Südosteuropas. Die aus den 70er Jahren stammenden Fesseln der Kartellbürokratie hindern uns daran, weltweit operierenden, milliardenschweren Investoren zukünftig hier bei uns und letztendlich auch in den Auslandsmärkten auf Augenhöhe zu begegnen. Eine auf den Mediensektor bezogene Korrektur des bestehenden investitionsfeindlichen ordnungspolitischen Rahmens ist ein wichtiger Schritt, die Zukunftsfähigkeit mit vorausschauenden wegweisenden Investitionen in Mensch und Technik zu forcieren.
Die WAZ als wichtigste und auflagenstärkste Zeitung im Ruhrgebiet hat sich in ihren Inhalten am Informationsbedarf und auch an der Sprache der Menschen in dieser von Arbeitern geprägten Landschaft orientiert. Welche Veränderungen dieses Konzeptes sind durch die Veränderungen im Verbreitungsgebiet angestoßen?
Die WAZ-Gründer Erich Brost und Jakob Funke haben mit der 1948 erstmals erschienenen Westdeutschen Allgemeinen Zeitung nach dem Konzept der angelsächsischen „popular paper“ einen völlig neuen Zeitungstyp auf den Markt gebracht. Es war die erfolgreichste Zeitungsneugründung nach dem Krieg und hat die WAZ zu Deutschlands größter Regionalzeitung gemacht. Mit klaren, verständlichen Sätzen, der strikten Trennung von Meinung und Bericht, orientierten sie sich strikt an den Bedürfnissen der Leser.
Während es also früher galt, im Wesentlichen Arbeiter und Bergleute zu informieren, so sind es heute die Menschen, die an den neuen Dienstleistungssektoren arbeiten, die in der Umwelttechnik oder der Medizintechnik arbeiten, die in der Automobilzuliefererindustrie arbeiten, und selbstverständlich sind unsere Leser auch Menschen ohne Arbeit.
Im heutigen Zeitalter der „multimedialen Überfütterung“ mit allen negativen Konsequenzen der schleichenden Desorientierung ist es unser Kernziel, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu transportieren: mit einer zeitgemäßen Anmutung und einer Berichterstattung über Themen, die für den Leser nachvollziehbar und damit diskursfähig sind. Unsere Zeitungen müssen für die Leserinnen und Leser feste Anker in ihrem direkten Lebensumfeld, in ihrer Lebenswirklichkeit sein. Dort müssen wir sie abholen und ihnen täglich die Bestätigung geben, dass ohne die
morgendliche Lektüre der Zeitung der wichtigste „Orientierungshelfer“ im Leben
fehlte.
Wenn Sie die wirtschaftlichen Grundlagen der WAZ im Ruhgebiet auf das Jahr 2030 projizieren: Wie wird die Zeitung dann aussehen und mit welchen Medien wird die WAZ die Menschen erreichen?
Die WAZ wird sich – und da bin ich sehr optimistisch und schließe unsere übrigen NRW-Titel NRZ, WR und WP mit ein – als glaubwürdigstes Medium weit vor der elektronischen Konkurrenz etabliert haben. Die Auflagen werden zwar nicht mehr mit denen von heute vergleichbar sein, aber die Haptik des Stoffes, die gedruckte „fühlbare“ Information, wird eine neue „papierne Vertrauensqualität“ erreicht haben. Sie wird das Qualitätsprodukt für erlesene Zielgruppen sein. Sie wird Themen setzen und noch mehr leserzentrierten Hintergrund statt Oberflächlichkeit bieten.
Sie wird im Jahr 2030 über verschiedene Kanäle die LeserInnen erreichen; sie wird über das Internet, vielleicht sogar auf neuen Datenträgern wie der elektronischen Tinte verfügbar sein. Die Zeitung wird weiterhin ein Spiegel der Gesellschaft des Ruhrgebietes sein, und sie wird weiterhin für ihre Leser da sein. Auch heute schon erreichen wir die Menschen nicht mehr nur über die Tageszeitung und das Internet, sondern auch über die Anzeigenblätter der Unternehmensgruppe, über unsere Beteiligung an den Radios. Vielleicht wird man die WAZ in Zukunft auch auf den Mobiltelefon lesen können. Was auch immer sein mag, wir werden in der Lage sein, uns darauf einzustellen, um unsere Leser zu erreichen.
Das Interesse junger Leute an politischen Informationen aus ihrem Nahraum lässt offensichtlich nach. Können Medien, vor allem Zeitungen oder lokale Radios, dazu beitragen, dieses Interesse und die Bereitschaft zum Engagement wieder zu wecken?
Die angebliche Politikverdrossenheit der jungen Leute hält sie jedenfalls nicht davon ab, unsere Medien zu nutzen und unsere Zeitung zu lesen. Die lokale Zeitung und auch das lokale Radio sind geradezu prädestiniert, lokale Vorgänge im unmittelbaren Lebensumfeld der jungen Menschen transparent und damit nachvollziehbar zu machen. Politikverdrossenheit entsteht aus Desinteresse. Desinteresse entsteht aus Unverständnis. Die lokalen Medien haben alle Chancen, mit ihren Stilmitteln Funktionen und Vorgänge im demokratischen „Mikrokosmos, in den Stadträten und in der Verwaltung, begreifbar zu machen, die Auswirkungen aufzuzeigen und Anknüpfungspunkte für eine aktive Teilnahme am politischen Prozess der Willensbildung anzustoßen.
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